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Autor: tadamun

  • Im Gedenken an Nelson

    Im Gedenken an Nelson

    Photo credit: Xenia Gomes Adães

    Am 1. August 2025 starb der 15-jährige Nelson, ein Schwarzer Jugendlicher, in der Justizvollzugsanstalt Ottweiler. Die Staatsanwaltschaft erklärte schnell, es handele sich um Suizid. Auch die Obduktion habe „keine Hinweise auf Fremdeinwirkung“ ergeben.

    Doch Mitinhaftierte berichten eine andere Geschichte. Sie sagen, Nelson sei kurz vor seinem Tod von mindestens einem Justizbeamten getreten und geschlagen worden – angeblich wegen gestohlener Süßigkeiten. Kurz danach war Nelson tot.

    Aus Protest weigerten sich 17 Gefangene, nach der Freistunde in ihre Zellen zurückzukehren. Sie forderten Gerechtigkeit für Nelson und prangerten die schlechten Haftbedingungen an. Ein Spezialeinsatzkommando wurde geschickt, um den Protest niederzuschlagen. Drei Inhaftierte, die als „Rädelsführer“ gelten, wurden inzwischen in Gefängnisse nach Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg verlegt – andere müssen ebenfalls mit Konsequenzen rechnen.

    Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Beamte wegen Körperverletzung. Nelsons Vater hat Strafanzeige gestellt. Viele Fragen bleiben offen: Warum war Nelson überhaupt in Haft? War er schon verurteilt oder noch in Untersuchungshaft? Und warum wurde er fünf Wochen lang in „sicherer Verwahrung“ isoliert und zusätzlich per Video überwacht?

    Familie, Freund:innen und die Community trauern um Nelson, der als fröhlicher und hilfsbereiter Junge beschrieben wird. Er war 15 Jahre alt. Ein Kind.


    Rassismus und Straflosigkeit

    Sowohl die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) als auch die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) machen deutlich: Nelsons Tod ist kein tragischer Einzelfall, sondern Teil eines tödlichen Systems, das von strukturellem Rassismus und institutioneller Verantwortungslosigkeit geprägt ist.

    Die ISD verweist auf die gemeinsame Kampagne Death in Custody, die zwischen 1990 und 2022 mindestens 203 Todesfälle von rassifizierten Menschen in polizeilichem oder justiziellem Gewahrsam dokumentiert hat. Von Rassismus betroffene Menschen sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, in staatlichem Gewahrsam zu sterben.

    KOP betont, dass Gefängnisse Orte staatlicher Repression, Kontrolle und Überwachung sind, die Menschen brechen und isolieren, aber keine gesellschaftlichen Probleme lösen. Nelsons Tod reiht sich ein in eine lange Kontinuität tödlicher rassistischer Gewalt: Oury Jalloh, Ferhat Mayouf, Rachid S., Fartoun Haroun Ali, Rooble Warsame, Laye-Alama Condé. Immer wieder heißt es offiziell: „Kein Hinweis auf Fremdverschulden.“ Immer wieder bleiben Familien und Communities mit Trauer zurück – während Täter:innen straflos bleiben.

    ISD und KOP fordern gemeinsam:

    • eine unabhängige, öffentliche und umfassende Untersuchung von Nelsons Tod
    • volle Transparenz statt Schweigen
    • keine Repression gegen die Mitinhaftierten
    • die sofortige Suspendierung der beschuldigten Beamten
    • die Einführung einer bundesweiten Meldepflicht für alle Todesfälle in Gewahrsam

    Nelsons Leben zählt. Gerechtigkeit für Nelson heißt: Wahrheit, Verantwortung, Veränderung.

    https://www.sr.de/sr/home/nachrichten/politik_wirtschaft/demo_suizid_jva_ottweiler_100.html

    Spendenaufruf

    Nelsons Vater steht nun alleine da – mit Trauer und der Last, für Gerechtigkeit kämpfen zu müssen. Er braucht Unterstützung, um die Kosten für Anwält:innen, die Beerdigung und ein unabhängiges medizinisches Gutachten zu tragen.

    Unterstützt den Spendenaufruf auf GoFundMe


    In Freiburg haben wir zusammen mit anderen Guppen eine Kundgebung organisiert, um Gerechtigkeit für Nelson zu fordern.

    Wir fordern:

    1. Die unabhängige & lückenlose Aufklärung von Nelsons Tod.
    2. Die sofortige Suspendierung der beschundigten Beamten.
    3. Eine öffentliche Erklärung des Justizministeriums über die Erkenntnisse & Maßnahmen.
    4. Die Überprüfung des Umgangs mit Minderjährigen im Stafvollzug.
    5. Schutz vor rassistischer Gewalt – auch hinter Gefängnismauern.


    Mehr Erfahren

  • Anas Al-Sharif – Gedenken 10.8.25

    Anas Al-Sharif – Gedenken 10.8.25

    Anas Jamal Mahmoud Al-Sharif (1996–2025) war ein palästinensischer Journalist und Korrespondent von Al Jazeera Arabic, bekannt für seine furchtlose Berichterstattung aus dem nördlichen Gazastreifen während des Krieges.

    Monatelang wurde er von der israelischen Armee bedroht, ohne Beweise als „Hamas“ verleumdet und zur Zielscheibe für eine gezielte Tötung gemacht. Anas weigerte sich, den Norden zu verlassen – selbst nachdem sein Vater bei einem israelischen Luftangriff getötet worden war – fest entschlossen, weiterhin die Realität Gazas zu dokumentieren.

    Am 10. August 2025 bombardierte Israel ein Zelt vor dem Al-Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt und tötete Anas sowie vier weitere Journalisten: Mohammed Qreiqeh, Ibrahim Zaher, Mohammed Noufal und Moamen Aliwa. Al Jazeera bezeichnete dies als „geplante Ermordung“, um die letzten Stimmen aus Gaza zum Schweigen zu bringen.

    Zum Zeitpunkt seiner Tötung hatte Israel bereits über 200 Journalisten im Gazastreifen getötet. Anas war „der letzte überlebende Journalist von Al Jazeera im nördlichen Gazastreifen“.

    Anas lebte und starb, um der Welt zu zeigen, was Israel zu verbergen versucht. Wir erinnern uns an ihn – und wir werden nicht schweigen.

    Letzter Wille und letzte Botschaft

    Dies ist mein Wille und meine letzte Botschaft.
    Wenn euch diese Worte erreichen, dann wisst, dass Israel es geschafft hat, mich zu töten und meine Stimme zum Schweigen zu bringen.
    Friede sei mit euch und Gottes Barmherzigkeit und Segen.

    Gott weiß, dass ich all meine Kraft und Mühe gegeben habe, um eine Stütze und eine Stimme für mein Volk zu sein – seit ich im Flüchtlingslager Jabalia in den engen Gassen und Straßen meine Augen zum Leben öffnete. Meine Hoffnung war, dass Gott mir ein langes Leben schenkt, damit ich mit meiner Familie und meinen Liebsten in unsere ursprüngliche Stadt zurückkehren kann – in das besetzte Aschkelon (al-Majdal). Aber Gottes Wille kam zuerst, und sein Beschluss wurde vollzogen.

    Ich habe den Schmerz in all seinen Einzelheiten gelebt. Ich habe Kummer und Verlust immer wieder gekostet. Dennoch habe ich nie gezögert, die Wahrheit so zu übermitteln, wie sie ist – ohne Verfälschung oder Verzerrung. In der Hoffnung, dass Gott Zeugnis ablegt gegen jene, die geschwiegen haben, gegen jene, die unsere Tötung akzeptiert haben, die uns den Atem abgeschnitten haben, deren Herzen unberührt blieben von den zerfetzten Körpern unserer Kinder und Frauen, und die das Massaker, dem unser Volk seit über eineinhalb Jahren ausgesetzt ist, nicht gestoppt haben.

    Ich vertraue euch Palästina an – das Juwel in der Krone der Muslime und den Herzschlag jedes freien Menschen auf dieser Welt. Ich vertraue euch sein Volk an und seine unterdrückten kleinen Kinder, denen die Jahre nicht gegönnt waren, um zu träumen und in Sicherheit und Frieden zu leben. Ihre reinen Körper wurden von Tausenden Tonnen israelischer Bomben und Raketen zerschmettert, auseinandergerissen, ihre Überreste an den Wänden verstreut.

    Ich ermahne euch, euch nicht durch Ketten zum Schweigen bringen oder durch Grenzen aufhalten zu lassen. Seid Brücken zur Befreiung des Landes und seiner Menschen, bis die Sonne der Würde und der Freiheit über unserem geraubten Land aufgeht.

    Ich vertraue euch meine Familie an.
    Ich vertraue euch den Augapfel meines Lebens an – meine geliebte Tochter Sham, die ich nicht aufwachsen sehen durfte, wie ich es mir erträumt hatte.
    Ich vertraue euch meinen geliebten Sohn Salah an, dem ich beistehen und zur Seite gehen wollte, bis er stark genug ist, meine Last zu tragen und die Botschaft fortzusetzen.
    Ich vertraue euch meine geliebte Mutter an, deren gesegnete Gebete mich dorthin gebracht haben, wo ich heute bin, deren Bittgebete meine Festung waren und deren Licht meinen Weg erhellte. Ich bete zu Gott, dass Er ihr Herz stärkt und sie für mich reichlich belohnt.

    Ich vertraue euch auch meine Lebensgefährtin an – meine geliebte Ehefrau Umm Salah, Bayan – von der mich der Krieg für lange Tage und Monate getrennt hat. Sie blieb standhaft wie der Stamm eines Olivenbaums, der sich nicht beugt. Geduldig und im Vertrauen auf Gott hat sie die Verantwortung in meiner Abwesenheit mit Kraft und Glauben getragen.

    Steht ihnen bei, seid ihnen eine Stütze – nach Gott, dem Allmächtigen.

    Wenn ich sterbe, dann sterbe ich fest auf meinem Prinzip. Ich rufe Gott zum Zeugen, dass ich mit Seinem Beschluss zufrieden bin, überzeugt von der Begegnung mit Ihm und gewiss, dass das, was bei Gott ist, besser und ewig währt.

    O Gott, nimm mich unter den Märtyrern an, vergib mir meine vergangenen und zukünftigen Sünden, und mache mein Blut zu einem Licht, das den Weg der Freiheit für mein Volk und meine Familie erhellt.

    Vergebt mir, wenn ich versagt habe, und bittet für mich um Barmherzigkeit. Denn ich bin dem Bund treu geblieben, ich habe nicht geändert und nicht verraten.

    Vergesst Gaza nicht…
    Und vergesst mich nicht in euren aufrichtigen Gebeten um Vergebung und Annahme.

    Anas Jamal Al-Sharif
    06. April 2025

    Dies ist, was unser geliebter Anas zur Veröffentlichung bei seinem Märtyrertod bestimmt hat.
    — Seitenteam

    Quellen

  • (FRID) Colonialism, Coloniality, and Decoloniality

    (FRID) Colonialism, Coloniality, and Decoloniality

    This speech was delivered by the Freiburg Initiative for Decoloniality (FRID) at a Palestine demonstration on 9 August 2025 in Freiburg. FRID is a collective committed to actively dismantling coloniality in all its forms and challenging the structures that sustain it.


    Colonialism, coloniality, and decoloniality might seem like something of the past or academic words, but they can help us understand the roots of the horrors we see in Palestine today – and also how to act on it.


    Colonialism

    We are all familiar with the term colonialism: when a foreign state or group exercises control over another people’s land — like many European countries have done throughout history, and as they did with Palestine.

    During the First World War, imperial powers divided land between them, and Britain claimed control over Palestine.

    Not only did Britain impose their rule on the population with military power, they also supported the establishment of the state of Israel and helped lay the foundation for Zionist settler colonialism.


    Settler Colonialism

    Settler colonialism is a form of colonialism that is not just about exploiting the people and resources of the area, but about settling permanently on the land by evicting, expelling, and eliminating the original inhabitants — and replacing them and their culture with settlers.

    We’ve seen examples of this in New Zealand, Canada, Australia, and the US — and this is also what we’ve seen in Palestine since the Nakba of 1948, when Zionist militias massacred and expelled thousands of Palestinians from their homeland.

    But that was just the starting point. Since its founding, Israel has employed a range of settler colonial tactics:

    • Land theft
    • Destruction of homes
    • Expelling of the people
    • Destruction of cultural and natural heritage
    • Control over water
    • Apartheid and occupation
    • And now, genocide

    Coloniality

    While settler colonialism describes the acts of Israel, coloniality explains why the Western powers allow and enable it.

    Coloniality is the power patterns and structures that were designed to support colonialism and that still shape our social, political, and economic systems today.
    It is like a virus — infecting how we see the world.

    It is the differentiation between us and them — between the white and Western and the so-called “others”.
    It is the notion that some people’s lives are more visible, more valuable, more grievable than others.

    Coloniality is:

    • In our media, where Palestinian voices are sidelined and silenced, and Israeli officials are cited uncritically.
    • In our language, when a genocide is called a “conflict” and when bombing schools and starving children is called “self-defense”.
    • When Palestinian resistance is called “terrorism” — although occupied people have the right to resist occupation under international law.

    Simply put: coloniality is what dehumanises Palestinians and allows the ongoing genocide in Gaza to be tolerated, justified, and even supported by the so-called “civilized” Western governments.


    Why this matters

    What is happening in Gaza, as grotesque and unbearable as it is, is unfortunately not unique.
    It’s the working of settler colonialism and coloniality that we know far too well.

    I am not saying this to diminish the seriousness of what we see — I am saying it because identifying commonalities in systems of oppression can help identify common paths forward and types of action.


    Decoloniality

    This is where decoloniality comes into the picture.

    Decoloniality is the antidote to the virus of coloniality.
    It is a fight to dismantle its structures – not just physically, but in culture, politics, economy, and thought.

    It is:

    • A refusal to accept coloniality as natural or neutral.
    • A refusal of the narratives we are fed.

    We can practice decoloniality by:

    • Honoring, listening to, and uplifting Palestinian voices.
    • Speaking the truth — calling things by their names:
      • Occupation, not “defense”
      • Genocide, not “conflict”
    • Learning, unlearning, speaking up, and acting

    Because decoloniality is not just a metaphor – for many, it is about survival.
    And for you and me, it’s a political commitment.


    Our commitment

    It’s a commitment that we owe the people of Palestine and all other oppressed people around the world.

    Because the Palestinian struggle is not just theirs — it is connected to all struggles against oppression and injustice.

    So let’s fight together — against colonialism, apartheid, and genocide.
    We won’t be silenced or stand aside.

    Across the world: de-colonize!


    Follow FRID on Instagram: @decoloniality_fr

  • „Ihr werdet uns nicht auslöschen“ – Rede von Susan Abulhawa über Kolonialismus und Widerstand vor der Oxford Union

    Am 28. November 2024 debattierte die Oxford Union die Resolution: „Dieses Haus ist der Überzeugung, dass Israel ein Apartheidstaat ist, der für Völkermord verantwortlich ist.“ Die Resolution wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen – 278 zu 59 Stimmen. Unter den Redner*innen, die sie unterstützten, war die palästinensische Schriftstellerin, Dichterin und Aktivistin Susan Abulhawa, Gründerin von Playgrounds for Palestine und Geschäftsführerin des Palestine Writes Literary Festival.

    Im Folgenden lesen Sie den übersetzten Text ihrer Rede vor der Oxford Union. Quelle: https://massreview.org/node/12193/

    Chaim Weizmann, ein russischer Jude, sagte 1921 auf dem Weltzionistenkongress über die Frage, was mit den indigenen Bewohnern des Landes geschehen solle, die Palästinenser seien „wie die Felsen von Judäa – Hindernisse, die auf einem schwierigen Weg aus dem Weg geräumt werden müssten.“

    David Gruen, ein polnischer Jude, der seinen Namen in David Ben Gurion änderte, um regional zu klingen, erklärte: „Wir müssen Araber vertreiben und ihre Plätze einnehmen.“

    Solche Gespräche führten die frühen Zionisten zu Tausenden, während sie die gewaltsame Kolonisierung Palästinas und die Vernichtung seines Volkes planten und umsetzten.

    Sie waren nur teilweise „erfolgreich“: 80 % der Palästinenser wurden ermordet oder vertrieben, 20 % blieben – ein dauerhaftes Hindernis für ihre kolonialen Fantasien. Seit der vollständigen Besetzung 1967 ist unsere bloße Existenz für sie ein Problem, über das sie öffentlich diskutieren – in Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kultur. Immer wieder ging es um die „Bedrohung“ durch unsere Geburtenrate und unsere Kinder, die sie als „demografische Gefahr“ bezeichnen.

    Der israelische Historiker Benny Morris sagte einmal, er bedaure, dass Ben Gurion „die Arbeit nicht beendet“ habe – dann gäbe es heute kein „Arab-Problem“.
    Benjamin Netanyahu, ein polnischer Jude mit dem Geburtsnamen Benjamin Mileikowsky, bedauerte, 1989 während des Tian’anmen-Aufstands nicht große Teile der palästinensischen Bevölkerung vertrieben zu haben, „während die Welt auf China schaute“.

    Yitzhak Rubitzov, ein ukrainischer Jude, der sich Yitzhak Rabin nannte, ordnete in den 1980er- und 1990er-Jahren die „Knochenbrecher-Politik“ an, die Generationen von Palästinensern verkrüppelte – und dennoch scheiterte, uns zum Gehen zu zwingen.

    Frustriert über unsere Widerstandskraft, kam nach der Entdeckung eines riesigen Erdgasfelds vor der Küste Gazas – im Wert von Billionen – ein neuer Diskurs auf. 2004 sagte Oberst Efraim Eitan: „Wir müssen sie alle töten.“
    2018 forderte der israelische Politikberater Aaron Sofer: „Wir müssen töten und töten und töten. Den ganzen Tag, jeden Tag.“

    Ich habe in Gaza einen Jungen gesehen, höchstens neun Jahre alt, dem Hände und Teile des Gesichts fehlten – von einer mit Sprengstoff präparierten Konservendose, die Soldaten für hungernde Kinder zurückließen. Es gab auch vergiftete Lebensmittel in Shujaiyya. In den 1980er- und 1990er-Jahren legte die israelische Armee Sprengfallen in Form von Spielzeug in Südlibanon – sie explodierten, wenn Kinder sie aufhoben.

    Sie erwarten, dass ihr all das als „Selbstverteidigung“ betrachtet. Sie wollen, dass ihr den Holocaust Europas beschwört, „Antisemitismus“ ruft und dann glaubt, dass das gezielte Töten von Kindern, das Bombardieren ganzer Wohnviertel und das Auslöschen ganzer Blutlinien legitim ist.

    Sie wollen, dass ihr denkt, ein ausgehungerter Mann mit nur noch einem funktionsfähigen Arm, der weiterkämpft, handle aus „barbarischem Hass“ – nicht aus der unbezwingbaren Sehnsucht, sein Volk frei in seiner Heimat zu sehen.

    Es geht hier nicht um die Frage, ob Israel Apartheid oder ein Völkermordstaat ist. Es geht um den Wert palästinensischen Lebens – um den Wert unserer Schulen, Bücher, Kunst, unserer Häuser, unserer Träume, unserer Menschlichkeit und unseres Rechts auf Selbstbestimmung.

    Denn wenn die Rollen vertauscht wären –
    wenn Palästinenser 300.000 Juden in einem Jahr getötet, ihre Häuser geraubt, ihre Kinder verhungern lassen, ihre Städte dem Erdboden gleichgemacht hätten –
    wenn wir jüdische Babys in NICUs hätten sterben lassen, ihre Friedhöfe zerstört, ihre Ärzte und Patienten vergewaltigt, ihre Kinder mit Sprengfallen getötet –
    dann gäbe es keine Debatte, ob das Terrorismus oder Völkermord ist.

    Und doch sitzen hier heute zwei Palästinenser – ich und Mohammad el-Kurd – um mit Menschen zu „debattieren“, die glauben, unsere Optionen seien: das Land verlassen, uns unterwerfen oder leise sterben.

    Ich bin nicht hier, um irgendwen zu überzeugen. Ich bin hier für die Geschichte – für Generationen, die noch kommen – um Zeugnis abzulegen in dieser Zeit, in der die Teppichbombardierung wehrloser indigener Gesellschaften als legitim gilt.
    Ich bin hier für meine Großmütter, die als mittellose Flüchtlinge starben, während Fremde in ihren gestohlenen Häusern lebten.

    Und ich spreche direkt zu den Zionisten:
    Wir nahmen euch auf, als euch eure Länder töten wollten und alle anderen euch abwiesen. Wir teilten unser Land, unser Brot, unsere Kleidung.
    Und als die Zeit reif war, habt ihr uns vertrieben, getötet, ausgeraubt und verbrannt.

    Egal, was ihr euch erzählt – ihr werdet nie zu diesem Land gehören.
    Ihr werdet nie die Heiligkeit der Olivenbäume verstehen, die ihr seit Jahrzehnten fällt und verbrennt, nur um uns zu verletzen.
    Ihr werdet nie den Wert der heiligen Stätten kennen, die ihr zerstört – ob in Baalbek, Battir oder alten Friedhöfen wie Maamanillah in Jerusalem.
    Die Mythen, die Folklore, die Sprache unserer Kleidung – jede Stickerei, jedes Muster erzählt Geschichten unserer Landschaft – werden euch immer fremd bleiben.

    Was eure Makler als „alten arabischen Charme“ verkaufen, sind die Steine, die unsere Vorfahren setzten. Die alten Bilder und Gemälde werden euch niemals enthalten.
    Ihr könnt Namen ändern, unsere Speisen aneignen, aber ihr werdet immer den Schmerz dieser Fälschung spüren.

    Ihr werdet uns nicht auslöschen. Wir sind nicht die „Felsen“, die ihr räumen könnt. Wir sind der Boden, die Flüsse, die Bäume, die Geschichten – genährt von unseren Körpern seit Jahrtausenden.
    Unsere DNA trägt Canaaniter, Hebräer, Philister, Phönizier – und all die, die kamen, gingen, blieben.

    Eines Tages wird eure Straflosigkeit enden.
    Palästina wird frei sein – multireligiös, multiethnisch, pluralistisch.
    Und ihr werdet gehen – oder lernen, als Gleiche mit anderen zu leben.

  • Kurze Fakten: Die palästinensische Nakba (Katastrophe)

    Kurze Fakten: Die palästinensische Nakba (Katastrophe)

    Deutsche Übersetzung des Textes „Quick Facts: The Palestinian Nakba“ vom IMEU:


    Die Nakba („Katastrophe“ auf Arabisch) bezeichnet die gewaltsame Vertreibung von etwa drei Vierteln aller Palästinenser*innen aus ihren Häusern und ihrer Heimat durch zionistische Milizen und die neue israelische Armee während der Gründung des Staates Israel (1947–49).

    Die Nakba war eine bewusste und systematische Maßnahme mit dem Ziel, einen jüdischen Mehrheitsstaat in Palästina zu errichten. Untereinander benutzten zionistische Führer das Wort „Transfer“ als Euphemismus für das, was man heute ethnische Säuberung nennen würde.

    Die Wurzeln der Nakba und der bis heute andauernden Probleme in Palästina/Israel liegen in der Entstehung des politischen Zionismus Ende des 19. Jahrhunderts. Einige europäische Jüdinnen und Juden – beeinflusst vom damaligen Nationalismus – kamen zu dem Schluss, dass ein jüdischer Staat in Palästina die Lösung für den Antisemitismus in Europa und Russland sei. Sie begannen als Kolonisten nach Palästina auszuwandern und enteigneten dabei die indigene muslimische und christliche Bevölkerung.

    Im November 1947, nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah, beschloss die neu gegründete UNO einen Teilungsplan, der Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufteilen sollte – gegen den Willen der mehrheitlich indigenen palästinensisch-arabischen Bevölkerung. Der Plan sprach dem jüdischen Staat 56 % des Landes zu, obwohl Jüdinnen und Juden nur etwa 7 % des privaten Landes besaßen und nur etwa 33 % der Bevölkerung ausmachten – ein großer Teil davon erst kurz zuvor aus Europa eingewandert. Der arabisch-palästinensische Staat sollte nur 42 % des Landes umfassen, obwohl Musliminnen und Christinnen die große Mehrheit stellten. Jerusalem sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden.
    (Karten zum Teilungsplan und den Waffenstillstandslinien von 1949 finden sich online.)

    Unmittelbar nach der Verabschiedung des Teilungsplans begannen zionistische Milizen mit der Vertreibung von Palästinenser*innen – Monate bevor die Armeen benachbarter arabischer Staaten eingriffen. Am Ende kontrollierte der neue Staat Israel 78 % Palästinas. Die verbleibenden 22 % – Westjordanland, Ostjerusalem und Gaza – fielen unter die Kontrolle Jordaniens bzw. Ägyptens. Im Krieg von 1967 besetzte das israelische Militär diese Gebiete und begann bald mit deren Kolonisierung.


    Zahlen zur Nakba

    • 750.000 bis 1 Million: Anzahl der Palästinenser*innen, die zwischen 1947 und 1949 vertrieben und zu Geflüchteten gemacht wurden – etwa 75 % der gesamten palästinensischen Bevölkerung.
    • 250.000 bis 350.000: Anzahl der Vertriebenen noch vor der offiziellen Staatsgründung Israels am 15. Mai 1948 – also bereits vor dem Krieg mit arabischen Nachbarstaaten.
    • Dutzende: Anzahl der Massaker an Palästinenser*innen durch zionistische Milizen und die israelische Armee, die entscheidend zur Flucht beitrugen.
    • Über 100 Tote (darunter Kinder, Frauen und Alte): Beim Massaker von Deir Yassin am 9. April 1948 nahe Jerusalem, verübt von Milizen unter der Führung späterer Premierminister Menachem Begin und Yitzhak Shamir. Das Massaker war ein Wendepunkt, der eine Massenflucht auslöste.
    • Ca. 150.000: Palästinenserinnen, die 1948 in den Grenzen des neuen Staates Israel verblieben. Ein Viertel von ihnen war intern vertrieben. Sie erhielten zwar die israelische Staatsbürgerschaft, wurden jedoch ihrer Ländereien beraubt und bis 1966 unter Militärherrschaft regiert. Heute (2023) leben über zwei Millionen Palästinenserinnen mit israelischer Staatsbürgerschaft in Israel – mehr als 20 % der Bevölkerung – jedoch als Bürger*innen zweiter Klasse, da Dutzende Gesetze sie aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit benachteiligen.
    • Über 400: Palästinensische Städte und Dörfer, die zwischen 1948 und 1950 systematisch zerstört wurden – samt Häusern, Geschäften, Moscheen, Kirchen und Stadtzentren –, um eine Rückkehr der vertriebenen Bevölkerung zu verhindern.
      (Eine interaktive Karte der zerstörten Orte ist online verfügbar.)
    • Etwa 8,36 Millionen: Anzahl der palästinensischen Geflüchteten weltweit (Stand 2021), einschließlich der Überlebenden der Nakba und ihrer Nachkommen – die meisten leben im besetzten Westjordanland, Ostjerusalem, Gaza sowie in Ländern wie Jordanien, Libanon und Syrien. Sie werden bis heute an ihrer international anerkannten Rückkehr gehindert.
    • Etwa 4.244.776 Acres: Fläche des palästinensischen Landes, das während und nach der Staatsgründung Israels enteignet wurde.
    • Etwa 70.000: Anzahl palästinensischer Bücher, die vom israelischen Militär und der Nationalbibliothek geplündert wurden – darunter wertvolle Literatur, Poesie, Geschichtswerke. Viele Bücher wurden zerstört, andere als „herrenloses Eigentum“ in die Sammlung aufgenommen.
    • Etwa 200 Milliarden USD: Geschätzter heutiger Geldwert der Verluste, die Palästinenser*innen bei ihrer Enteignung 1948 erlitten haben (Schätzung von 2008).

    Weiterführende Informationen (auf Englisch):

    Quelle: IMEU – https://imeu.org/article/quick-facts-the-palestinian-nakba

  • Und wenn ich ihn vergesse, dann bin ich kein Mensch mehr. – Dr. Ezzideen Shehab

    (übersetzt aus dem englischen Originalbeitrag von Tadamun)

    Ich schwöre es dir. Vor Gott. Vor diesem elenden Jahrhundert. Vor dem letzten Funken Menschlichkeit, der vielleicht noch in dir übrig ist: Was wir heute gesehen haben, war kein Leben. Es war der Zusammenbruch von allem, was jemals als heilig galt. Früher waren die Freitage in Gaza heilig. Nicht wegen der Tradition, sondern weil sie zärtlich waren. Ein Vater kam mit Fisch nach Hause, oder vielleicht mit einem Stück Huhn, und eine Stunde lang aßen wir wie Menschen. Wir waren arm, aber nicht erniedrigt.

    Wir lächelten uns über den Tisch hinweg an, dankten Gott für einen kleinen Teller Fleisch und fühlten uns lebendig. Wir fühlten uns des Atmens würdig. Selbst die Ärmsten unter uns kannten diese Würde. Sie sparten die ganze Woche lang. Sie ertrugen den Hunger nicht aus Gewohnheit, sondern aus Hoffnung. Für diesen einen Tag. Diese eine Mahlzeit. Diese Illusion eines normalen Lebens. Aber jetzt? Heute ist Freitag. Und wir gingen durch die Straßen von Gaza, nicht um zu feiern, nicht einmal um zu essen, sondern um Reis zu suchen. Verfaulten Reis. Graue Körner, die an den Fingern kleben und nach nichts schmecken.

    „Irgendetwas. Irgendetwas, um den Magen zum Schweigen zu bringen. Mein Bruder suchte einen Markt ab. Ich suchte einen anderen ab. Wir kehrten mit Krümeln zurück. Wir bezahlten mit den letzten Münzen, die wir hatten. Sie verlangen Gold im Austausch für Asche. Und wir bezahlen es, weil die Kinder essen müssen und weil wir es nicht mehr wagen, zu sagen, was fair ist. Aber ich bin nicht gekommen, um über Reis zu sprechen. Ich bin gekommen, um zu bekennen, was ich gesehen habe.“.

    „Ein Lastwagen fuhr vorbei. Er war leer. Sein Boden war mit einer dünnen Schicht Mehlstaub bedeckt. Nur Staub. Keine Säcke. Kein Brot. Nur die Spur von etwas, das einst ein Kind hätte retten können. Und dann sah ich sie. Keine Rebellen. Keine Kriminellen. Kinder. Sie rannten, rannten wie gejagte Tiere auf den Lastwagen zu. Sie kletterten mit Händen, die noch nie Spielzeug gehalten hatten, auf ihn. Sie fielen auf die Knie, als stünden sie vor einem Altar. Und sie begannen zu kratzen.“ 

    „Einer hatte einen kaputten Deckel. Ein anderer ein Stück Pappe. Aber die anderen, die anderen benutzten ihre Hände. Ihre Zungen. Sie leckten daran. Hörst du mich? Sie leckten Mehlstaub von rostigem Stahl. Von Schmutz. Von der Ladefläche eines Lastwagens, der bereits weggefahren war. Ein Junge lachte. Nicht weil er glücklich war, sondern weil der Körper verrückt wird, wenn er hungert.“.

    „Ein anderer weinte leise, wie jemand, der nicht mehr glaubt, dass ihm jemand zuhört. Und ich stand da. Mit all meiner Scham. Mit den Händen in den Taschen, wie ein Mann, der auf den Bus wartet. Als würde er nicht das Ende der Welt beobachten. Ich wollte schreien. Aber welcher Schrei kann den Himmel erreichen, wenn der Himmel selbst taub ist? Welche Worte können helfen? Welche Worte können das Geräusch erklären, wenn die Zunge eines Kindes gegen Rost kratzt, um einen Geschmack von Mehl zu bekommen?“

    „Es gibt keine Metaphern mehr. Darin liegt keine Schönheit. Nur Sünde. Nur Verbrechen. Und wir sind alle schuldig. Du. Ich. Diejenigen, die den Lastwagen geschickt haben. Diejenigen, die die Flugzeuge geschickt haben. Und Gott? Wenn du zusiehst, dann weine mit uns. Und wenn du schweigst, dann sind wir allein in dieser Hölle.“

    „Wir leben im 21. Jahrhundert. Aber die Geschichte ist nicht vorangekommen. Sie hat ihre eigenen Kinder verschlungen und es Fortschritt genannt. Ich will das nicht schreiben. Ich will es ungeschehen machen. Ich will den Jungen vergessen, der den Boden abgeleckt hat. Aber ich kann es nicht. Weil ich ihn gesehen habe. Weil er real ist. Weil er realer ist als alle Worte, die ich geschrieben habe. Und weil ich kein Mensch mehr bin, wenn ich ihn vergesse.“

  • And because if I forget him, then I am no longer human – Dr. Ezzideen Shehab

    I swear to you. Before God. Before this wretched century. Before whatever last flicker of humanity may still remain in Te, what saw today was not life. It was the collapse of everything that ever claimed to be sacred. Once, Fridays in Gaza were holy. Not because of tradition, but because they were tender. A father would come home with fish, or perhaps a piece of chicken, and for one hour, we would eat like people. We were poor, but not degraded.“.

    „We would smile across the table, thank God for a small plate of meat, and feel alive. We felt worthy of breath. Even the poorest among us knew this dignity. They saved all week. They endured hunger not out of habit, but for hope. For that one day. That one meal. That illusion of a normal life. But now? Today is Friday. And walked through the streets of Gaza, not to celebrate, not even to feed, but to hunt for rice. Rotten rice. Gray grains that stick to your fingers and taste like nothing,“.

     „Anything. Anything at all to fool the stomach into silence. My brother searched one market. |searched another. We returned with crumbs. We paid with the last coins we had. They ask for gold in exchange for ash. And we pay it, because the children must eat, and because we no longer dare to say what IS fair. But have not come to speak about rice. I have come to confess what saw.“.

    „A truck passed by. It was empty. Its floor was covered in a thin layer of flour dust. Just dust. Not bags. Not bread. Only the trace of something that might once have saved a child. And then saw them. Not rebels. Not criminals. Children. They ran, ran like hunted things, toward that truck. They climbed it with hands that have never held toys. They fell to their knees as if before an altar. And they began to scrape.“.

    „One had a broken lid. Another, a piece of cardboard. But the rest, the rest used their hands. Their tongues. They licked it. Do you hear me? They licked flour dust from rusted steel. From dirt. From the back of a truck that had already driven away. One boy was laughing. Not because he was happy, but because the body goes mad when it is starving.“.

    „Another was crying, quietly, like someone who no longer believes anyone is listening. And I stood there. With all my shame. With my hands in my pockets, like a man waiting for a bus. Like wasn’t watching the end of the world. wanted to scream. But what scream can reach Heaven, when Heaven itself is deaf? What words can offer? What words can explain the sound of a child‘ S tongue scraping against rust for a taste of flour?“.

    „There are no metaphors left. There is no beauty in this. Only sin. Only crime. And we are all guilty. You. Me. The ones who sent the truck. The ones who sent the planes. And God? If You are watching, then cry with us. And ndlifYouaresilethtnwearealonei if You are silent, then we are alone in this hell.“.

    „This is the twenty-first century. But history has not moved forward. It has swallowed its own children and called it progress. don’t want to write this. I want to unsee it. want to forget the boy who licked the floor. But can’t. Because saw him. Because he is real. Because he is more real than all the words I’ve written. And because if forget him, then I am no longer human.“