Gemeinschaft, Kapitalismus, Befreiung

Erste These

Die Gesellschaft, wie wir sie kennen, ist weder natürlich noch unvermeidlich. Der Kapitalismus stellt seine Institutionen, seine Gewohnheiten, seine Hierarchien und seine Werte als selbstverständlich dar — als wären Konkurrenz, Entfremdung und Marktabhängigkeit in der menschlichen Natur angelegt.

Unsere Kritik beginnt damit, das abzulehnen, was die Macht als natürlich bezeichnet. Wem nützt es, wenn eine Struktur zu selbstverständlich wird, um hinterfragt zu werden?

Zweite These

Das Problem ist nicht jede Hierarchie, jeder Unterschied oder jede Asymmetrie. Das Problem ist Herrschaft. Menschen werden immer mit Unterschieden in Wissen, Verantwortung, Erfahrung und Abhängigkeit leben. Die Frage ist, ob sich diese Unterschiede zu unkontrollierbarer Macht verhärten — ob sie zu festen Rollen werden, sich gegen Widerspruch abschotten und bewusst oder unbewusst hingenommen werden, ohne Dialog, ohne Zustimmung, ohne die Möglichkeit der Veränderung.

Keine Hierarchie ist dauerhaft. Eine Hierarchie wird unterdrückerisch, wenn sie nicht hinterfragt werden kann, wenn Kritik unsicher ist und wenn diejenigen, die in ihr leben, sie nicht umgestalten können.

Dritte These

Was im gesellschaftlichen Leben als natürlich erscheint, ist normalisierte Macht. Patriarchat, Weißsein, Zionismus, Kolonialismus, Marktkräfte, Heteronormativität, die Autorität Erwachsener über Kinder, die kapitalistische Familienform — nichts davon ist natürlich. Es sind soziale Verhältnisse, die durch Märkte, Ideologie, Gewalt und Wiederholung reproduziert werden, bis sie selbstverständlich erscheinen. Einer der ältesten Tricks der Herrschaft ist es, Macht in Natur zu verwandeln.

Was Marx geleistet hat, war, ökonomische Beziehungen zu identifizieren, die als Herrschaftsverhältnisse strukturiert sind. Unsere Aufgabe ist es, wachsam zu bleiben — zu erkennen, welche anderen Beziehungen ebenfalls als Herrschaftsverhältnisse strukturiert sind, und zu fragen, wie und warum sie normalisiert wurden. Warum akzeptieren wir sie? Welche Macht steht hinter ihnen? Unsere Politik beginnt damit, alles zu hinterfragen, was als natürlich wahrgenommen wird, und zu beantworten, ob es uns erlaubt, zu gedeihen.

Vierte These

Kolonialismus endet nicht mit der Dekolonisierung. Er reorganisiert sich — in Rassenregime, Abschiebepolitik, ungleiche Entwicklung, die globale Arbeitsteilung. Das Patriarchat endet nicht mit dem Wahlrecht. Es reorganisiert sich — in die Verteilung von Sorgearbeit, die Kontrolle über das reproduktive Leben, die Abwertung des Weiblichen.

Zionismus, Kolonialismus und Patriarchat strukturieren weiterhin, wer gehört wird, wer wertgeschätzt wird, wer erinnert wird und wer als entbehrlich gilt.

Diejenigen, die koloniale Gewalt, zionistische Gewalt und patriarchale Gewalt in ihren Körpern und Geschichten tragen, sind nicht Objekte unserer Solidarität. Sie sind Quellen politischen Wissens. Eine Politik, die über die Unterdrückten spricht statt von ihnen aus, hat bereits reproduziert, was sie zu bekämpfen vorgibt.

Fünfte These

Gemeinschaftsaufbau ist ebenso Dekonstruktion wie Konstruktion. Es geht nicht nur darum, neue Netzwerke, Bindungen und Institutionen zu schaffen. Es geht auch darum, vererbte Annahmen abzubauen, kapitalistische Gewohnheiten zu verlernen und einen ehrlichen Blick auf uns selbst zu werfen — auf unser Verhältnis zu Zeit, Geld und zueinander.

Wir bauen Gemeinschaft nicht, weil wir ein fertiges Modell haben, sondern weil wir wissen, dass diese Gesellschaft zutiefst kaputt ist. Herauszufinden, was funktioniert, ist selbst ein kollektiver kreativer Prozess — Experiment, Reflexion, Scheitern, Revision.

Enttäuschung gehört zu diesem Prozess. Niederlage auch. Wäre es einfach, hätten wir schon längst gewonnen.

Sechste These

Unser Projekt hat keinen Bauplan, keine Doktrin, kein Manifest einer Kadergruppe. Es ist eine fortlaufende Praxis kollektiven Experimentierens, gegenseitigen Lernens und permanenter Kritik an Herrschaft. Kein Buch, keine Theorie, kein Anführer, keine Partei, keine Tradition kann die schwierige Arbeit ersetzen, zusammenzuleben, Konflikte zu lösen, Macht zu teilen und aus dem Scheitern zu lernen.

Dogmatismus abzulehnen heißt nicht, Theorie abzulehnen. Es bedeutet, darauf zu bestehen, dass die Theorie der Erfahrung Rechenschaft schuldig bleibt. Wir müssen voneinander lernen, von indigenen Gemeinschaften, von Arbeiter*innen, von jeder Gruppe, die versucht, etwas jenseits des Kapitalismus aufzubauen — auch von denen, deren Politik sich von unserer unterscheidet. Innerhalb der Linken konkurrieren wir nicht miteinander. Wir kämpfen alle gegen dasselbe System.

Unser Projekt scheitert, wenn es im Text erstarrt, wenn es nicht vom Herzen auf die Lippe fließt. Es gelingt, wenn es selbstverständlich wird.

Siebte These

Befreiung lässt sich nicht auf Produktion, Löhne, Klasse oder den Staat reduzieren. Der Kampf handelt von Fürsorge, Gefühl, Intimität, Verlangen und den Beziehungsformen, durch die Menschen einander tragen.

Sorgearbeit ist nicht zweitrangig gegenüber der Politik. Sie ist das Fundament der Gesellschaft selbst. Ohne Sorgearbeit haben wir nichts. Keine Familien, keine Bewegungen, keine Gemeinschaften, kein Leben. Jede Befreiungspolitik, die Sorgearbeit nicht in ihr Zentrum stellt, ist zum Scheitern verurteilt.

Achte These

Der Kapitalismus überlebt nicht nur indem er Arbeit und Eigentum organisiert, sondern indem er Gefühle, Verlangen, Isolation und Möglichkeit formt. Er produziert ein Arbeitssubjekt — trainiert auf Dringlichkeit, Erschöpfung, Konkurrenz, emotionale Verdrängung, eigennütziges Kalkül. Er lehrt uns, das zu schätzen, was schnell wächst, und das abzutun, was langsam wächst. Er lehrt uns, dass unser Nachbar zuschlägt, wenn wir es nicht tun. Das ist weder geistig noch körperlich gesund. Das wissen wir.

Widerstand muss auf der Ebene von Fürsorge, Gefühl und Vorstellungskraft stattfinden — sonst reproduzieren wir die Welt, die wir angeblich bekämpfen. Eine nicht-kapitalistische Gesellschaft erfordert nicht-kapitalistische Formen des Werdens. Vertrauen braucht Zeit. Heilung braucht Zeit. Politische Reife braucht Zeit.

Neunte These

Der Kapitalismus geht davon aus, dass Menschen isolierte Individuen sind, die rational in ihrem Eigeninteresse handeln, dass kaum gegenseitige Hilfe zwischen ihnen stattfindet und dass Marktsignale der einzige Weg sind, Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren. Das ist in keiner Weise eine Gesellschaft, die irgendjemand erstrebenswert finden sollte.

Dagegen muss unsere Praxis ein anderes Verhältnis zueinander schaffen, ein anderes Verhältnis zur Zeit, ein anderes Verhältnis zum Gefühl, ein anderes Verhältnis zum Geld und ein anderes Bild des Menschen.

Die Prinzipien des Kapitalismus abzulehnen bedeutet, die Reduktion von allem auf reine Vernunft abzulehnen. Wir sind Menschen. Wir können unsere Gefühle nicht von uns selbst trennen. Emotion steht nicht im Gegensatz zur Vernunft. Sie ist Teil der Art, wie Menschen Ungerechtigkeit, Bindung, Angst, Solidarität und Hoffnung registrieren. Emotionen sind vernünftig.

Zehnte These

Emotion, Vorstellungskraft und Kunst stehen nicht außerhalb des politischen Lebens. Sie sind die Sprachen der Befreiung. Sie sind materielle Kräfte des Wandels. Sie bestimmen, ob Menschen überleben, zusammenarbeiten und kämpfen können.

Der Kapitalismus macht Geld zur universellen Sprache des Wertes. Kunst, Traum und Schöpfung helfen uns, Entfremdung auszudrücken, zu erinnern und ein Leben jenseits des Kapitalismus zu imaginieren. Die Dichter*innen sind die Anführer*innen der Revolution. Die Musiker*innen. Die Träumer*innen.

Unsere Revolution ist eine Revolution in der Kreativität. Gemeinschafts Aufbau ist selbst ein Akt der Schöpfung. Eine Revolution ist nicht nur Widerstand, sondern die Erschaffung von etwas Neuem.

Elfte These

Die Linke ist nur dann von Bedeutung, wenn sie in der Gesellschaft verwurzelt ist — verwurzelt unter denjenigen, die am meisten von ihr im Stich gelassen werden, und an den vordersten Fronten. Eine Politik, die von Arbeiter*innen, Eltern, Migrant*innen, behinderten Menschen, Menschen ohne Papiere, Obdachlosen, psychisch oder emotional Belasteten oder Menschen mit wenig theoretischem Hintergrund nicht genutzt werden kann, hat bereits Ausschluss in ihren eigenen Räumen reproduziert.

Radikale Politik muss daran gemessen werden, ob Menschen tatsächlich in sie eintreten, in ihr atmen und sie verändern können. Nicht daran, ob ihre Theorie korrekt ist.

Zwölfte These

Solidarität von unten ist der Ort, an dem wir unsere Vorstellungskraft auf die Probe stellen. Wir müssen von unten aufbauen, mit denen, die Kapitalismus und der Staat verwerfen, und bereitstellen, was der Staat verweigert zu leisten.

Durch diese Arbeit werden Bewegungen glaubwürdig — nicht nur als Kritiker*innen der Gegenwart, sondern als Erbauer*innen einer anderen Zukunft. Durch Solidarität gewinnen wir die Herzen. Durch unseren unermüdlichen Wissensdurst gewinnen wir die Köpfe.

Eine Linke, die gesellschaftlich marginal oder sektiererisch bleibt, kann kein Vertrauen gewinnen. Eine Linke, die in gegenseitiger Hilfe und praktischer Fürsorge verwurzelt ist, kann beginnen, zu den Massen zu sprechen, ohne ihre Prinzipien aufzugeben.

Dreizehnte These

Das Alltagsleben ist bereits politisch. Die Familie, die WG, Freundschaft, intime Beziehungen, unsere Organisierung, unsere Arbeitsplätze — nichts davon steht außerhalb der Politik. Das sind Orte, an denen Herrschaft reproduziert wird und an denen Befreiung geübt werden kann.

Stellen wir uns nicht vor, wir wären Utopist*innen. Gemeinschaftliches Leben ist keine ferne Utopie, die nach einem endgültigen Bruch installiert wird. Es ist eine Lebensweise, die alle Strukturen, in denen wir jetzt leben, verändern muss — nicht nur autonome Räume, sondern jeden Raum, den wir betreten.

Unsere Politik wird real, wenn sie alle sozialen Beziehungen verändert, in denen wir leben. Die Gesellschaft als Ganzes zu verändern, erfordert, dass wir uns selbst verändern.

Vierzehnte These

Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Nein zum Kapitalismus zu sagen, sondern eine glaubwürdige Alternative denkbar zu machen. Wenn unsere Politik nur Kritik bleibt, bleibt sie abstrakt. Wir müssen zeigen können, was sie positiv bedeutet: rechenschaftspflichtige Strukturen, anfechtbare Hierarchie, gegenseitige Hilfe, Fürsorge, geteilte Macht, emotionale Ehrlichkeit, Kreativität, eine Gemeinschaft, in der Menschen gedeihen können.

Wir sind noch kleine Bewegungen, am Rand der Gesellschaft. Aber die Krise des Kapitalismus wird viele Menschen dazu bringen, das zu hinterfragen, was sie einst als natürlich akzeptiert haben. Wir müssen in der Lage sein, sie anzusprechen — nicht indem wir unsere Prinzipien aufgeben, sondern indem wir zeigen, dass unsere Prinzipien geeignet sind, eine bessere Gesellschaft für alle aufzubauen.

Eine Bewegung wächst, wenn sie nicht nur Kritik, sondern eine gelebte Alternative bietet.

Fünfzehnte These

Eine befreite Gesellschaft wird nicht rein, abgeschlossen oder frei von Kampf sein. Gemeinschaft ist nicht nur Wärme, Zugehörigkeit und Solidarität. Sie ist auch Enttäuschung, Meinungsverschiedenheit, Burnout, Frustration und Eifersucht.

Es geht nicht darum, Konflikte zu beseitigen, sondern Organisationsformen zu schaffen, die durch Konflikte hindurchgehen können, ohne zu Herrschaft zu erstarren. Jede Struktur muss revidierbar bleiben, jede Rolle anfechtbar, jede Hierarchie umkehrbar. Wir müssen für eine Welt kämpfen, in der die Letzten die Ersten werden — fortlaufend.

Hierarchien werden entstehen, manchmal unbeabsichtigt. Sie müssen kontinuierlich hinterfragt werden. Freiheit ist nie wirklich gewonnen. Man erkämpft und erringt sie in jeder Generation.

Sechzehnte These

Jeder Mensch ist ein*e Intellektuelle*r, besonders diejenigen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Politische Intelligenz gehört nicht Akademiker*innen, Organisator*innen oder den ohnehin Wortgewandten. Diejenigen, die von dieser Gesellschaft am tiefsten verwundet werden, verstehen sie oft mit einer Klarheit, die der respektable Diskurs zu unterdrücken versucht. Besonders der Wahnsinnige. Es ist nur ein Akt des Wahnsinns, die reine Vernunft des Kapitals zu stürzen.

Wir dürfen uns niemals über andere stellen.

Siebzehnte These

Liebe und Vorstellungskraft sind nicht zweitrangig gegenüber der Politik. Sie sind ihre tiefsten revolutionären Kräfte. Der Kapitalismus lebt von Entfremdung, Zynismus und der Schrumpfung des Möglichen. Liebe wird politisch, weil sie Menschen jenseits von Geld und Markt verbindet. Vorstellungskraft wird politisch, weil sie die Welt über das hinaus öffnet, was gegenwärtig existiert.

Keine Kadergruppe, kein Manifest und keine Doktrin wird uns retten. Wir müssen auf unsere kollektive Fähigkeit vertrauen, zu schaffen, füreinander zu sorgen, zu hinterfragen und aufzubauen.


“Es obliegt nicht einem einzigen Volk, die Lösung oder das Problem zu sein. Aber eine Zivilisation, die durch ihre eigenen perversen Annahmen und Widersprüche in den Wahnsinn getrieben wurde, ist in der Welt entfesselt. Eine Black radical tradition, die sich in Opposition zu dieser Zivilisation formiert hat und sich ihrer selbst bewusst ist, ist ein Teil der Lösung. Ob die anderen Widerstände, die innerhalb und außerhalb der westlichen Gesellschaft hervorgebracht werden, heranreifen, bleibt ungewiss. Doch für den Moment müssen wir eins sein.”

Cedric Robinson, Black Marxism, S. 318 (aus dem Englischen übersetzt)


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WIDERSTAND IST DIE MENSCHLICHE REAKTION AUF UNGERECHTIGKEIT.

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