Siedlerkolonialismus: Den Nahostkonflikt verstehen

Dieser Artikel fasst einen Vortrag von Lena Obermaier zusammen. Im Zentrum steht die Frage, was passiert, wenn man Siedlerkolonialismus nicht als Abfolge isolierter Ereignisse betrachtet, sondern als langfristigen strukturellen Prozess – und was dabei mit den Körpern der Betroffenen geschieht. Obermaiers Kernargument: Verletzungen und Behinderungen (Disablement, Debilitation) sind keine zufälligen Begleiterscheinungen wie bei einem Autounfall. Sie sind Instrumente. Angetrieben wird dieser Prozess von dem, was in der Forschung als logic of elimination bezeichnet wird – der Logik der Eliminierung. Ihr Ziel ist immer dasselbe: Zugang zu Land.

Lena Obermaier ist Doktorandin an der Universität Exeter (Palästinastudien). Zuvor unterrichtete sie an der School of Oriental and African Studies (SOAS) und arbeitete u. a. am Internationalen Strafgerichtshof sowie bei Human Rights Watch. Texte von ihr erscheinen in der Washington Post, bei Mondoweiss, im Jacobin Magazine und bei +972Mag. Lena hostet außerdem den Podcast „Parallelwelt Palästina“ (https://open.spotify.com/show/4miAL3put6opxd9v6SkMLX).


Geografie als politische Waffe

Isaiah Bowman (1878–1950) gehört zu den einflussreichsten Geografen des 20. Jahrhunderts – und zu den folgenreichsten. Als Professor an der Johns Hopkins University und Direktor der American Geographical Society beriet er sowohl Woodrow Wilson als auch Franklin D. Roosevelt. Bowman verstand Geografie nie als neutrale Wissenschaft. Für ihn war sie ein Werkzeug: zur Grenzziehung, zur Ressourcenkontrolle, zur Ordnung von Territorien.

Was ihn heute noch relevant macht, sind weniger seine Karten als seine Überzeugungen. Staaten bräuchten „Raum“, um stabil zu bleiben. Bevölkerungen sollten homogen sein. Migration sei ein geopolitisches Risiko. Territoriale Expansion – legitim und notwendig. Diese Denkweise war eng mit seinem Antisemitismus verflochten: Als Berater Roosevelts sprach er sich aktiv gegen die Aufnahme jüdischer Geflüchteter aus und warnte vor „sozialer Instabilität“ und „ethnischen Spannungen“.


Frontierismus und die „Yellow Line“ in Gaza

Ein Schlüsselbegriff in Bowmans Werk war der Frontierism. Er beschreibt eine Weltsicht, in der Land als leer, ungenutzt oder „moralisch verfügbar“ erscheint – und Expansion als natürlich, ja heroisch gilt. Frontiers waren für Bowman keine Linien auf der Karte, sondern Räume einer „zivilisierenden Mission“. In The Pioneer Fringe (1930er) beschrieb er Pionierarbeit als tragisch, aber notwendig für den Fortschritt.

Knapp 90 Jahre später taucht diese Grammatik wieder auf – in der sogenannten „Yellow Line“ im Gazastreifen. Ursprünglich war sie im Trump-Plan Peace to Prosperity als imaginärer Marker gedacht, der israelische Kräfte schrittweise von palästinensischen Gebieten trennen und einen Rückzug strukturieren sollte. Daraus wurde etwas ganz anderes: ein Instrument der De-facto-Teilung. Israel nutzt diese bewegliche Frontier, um Land unzugänglich zu machen und es faktisch zurückzunehmen.

Die Zahlen sprechen für sich: West-Gaza umfasst 42 Prozent der Enklave – dort drängen sich über zwei Millionen Menschen auf engstem Raum, Hamas übt weiterhin Kontrolle aus. Ost-Gaza, 58 Prozent des Territoriums, ist vollständig von der Zivilbevölkerung entvölkert und steht unter Kontrolle der israelischen Armee und verschiedener Proxys. Statt eines Rückzugs haben israelische Kräfte diese Teilung mit Erdwerken und Befestigungen verfestigt – was auf Dauer angelegt ist.

Dabei offenbart ein Blick auf historische Luftaufnahmen aus den 1960er Jahren ein bemerkenswertes Detail: Die Yellow Line verläuft nahezu deckungsgleich mit der Grenze der Küstendünen. Wenn Palästinenser*innen nach Westen gedrängt werden, werden sie auf Sanddünen abgedrängt – und verlieren den Zugang zu den fruchtbaren Agrarböden, die einmal die Kornkammer des Gazastreifens waren.

Als vorübergehender, zunächst nur imaginärer Marker aus der ersten Phase von Trumps Gaza-Plan dient die „Yellow Line“ inzwischen als faktische Trennlinie: Sie teilt den Gazastreifen in West-Gaza (42 Prozent der Enklave; Hamas übt weiterhin Kontrolle aus; über 2 Millionen Menschen leben dort auf engstem Raum) und Ost-Gaza (58 Prozent des Gebiets; zivil entvölkert; unter Kontrolle der israelischen Armee und vier Proxy-Milizen), wobei israelische Kräfte die Spaltung durch Erdwerke, Befestigungen und Barrieren weiter ausbauen und damit eine Verstetigung nahelegen.

Der ökonomische Masterplan

Siedlerkolonialismus will Land nicht primär politisch verwalten – er will es ökonomisch verwerten. Ein aktuelles Beispiel dafür ist Jared Kushners „Master Plan for Gaza“, vorgestellt beim Weltwirtschaftsforum in Davos: Wohntürme, Rechenzentren, Strandresorts, Industriegebiete. Entwickelt ohne jede Konsultation der palästinensischen Bevölkerung. Bestehende Eigentumsrechte, Fragen politischer Staatlichkeit – kommen nicht vor. Boden wird zu Kapital, Rendite fließt über Immobilien und Tourismus.

Dieses Muster – lokale Landrechte zugunsten kapitalintensiver Infrastruktur entwerten – ist nicht neu und nicht auf Palästina beschränkt. In den USA wurde das Kohlekraftwerk Reid Gardner Power Station auf dem Land des Moapa-Paiute-Stammes errichtet, um Las Vegas mit Strom zu versorgen. Die indigene Bevölkerung hatte keinen Zugang zu dieser Energie. Was sie stattdessen bekam: deutlich erhöhte Asthmaraten bei Kindern, ein gestiegenes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle, Hinweise auf erhöhte Krebsraten und eine chronische Belastung durch Quecksilber, Arsen und andere Schwermetalle aus Asche und Emissionen.


Theorie und Methoden des Siedlerkolonialismus

Der entscheidende Unterschied zum klassischen Kolonialismus: Während dieser vor allem indigene Arbeit ausbeuten will, zielt Siedlerkolonialismus auf das Land selbst. Siedler*innen kommen, um zu bleiben – und die bestehende Gesellschaft durch ihre eigene zu ersetzen. Weil die bloße Existenz der einheimischen Bevölkerung das Projekt bedroht, hängt sein Erfolg von der Logik der Eliminierung ab.

Diese Logik hat sich historisch gewandelt. Vom frühen zionistischen Slogan „ein Land ohne Volk“ hin zur Strategie „das meiste Land mit den wenigsten Menschen“. Ein bezeichnendes Beispiel lieferte der Historiker Benny Morris 2004 in einem Interview, in dem er die ethnische Säuberung von 1948 als Notwendigkeit für die Entstehung eines jüdischen Staates verteidigte. Sein Argument: Ein „höheres Gut“ der Geschichte könne grausame Taten legitimieren – die Entwurzelung von Palästinenser*innen ebenso wie die von Native Americans.

In der Forschung werden verschiedene Methoden beschrieben, durch die Eliminierung in siedlerkolonialen Strukturen wirkt: physische Zerstörung (Genozid – historisch bei den Herero und Nama, bei Native Americans, aktuell in Gaza), Bevölkerungskontrolle durch ethnische Säuberungen und Verhinderung von Volkszählungen, soziokulturelle Auflösung durch erzwungene Assimilation – und körperliche Schwächung durch gezieltes Verwunden, Disablement und Debilitation.

Ein Bild, das die systematische Zerstörung des sozialen und medizinischen Gefüges verdichtet, ist das Schicksal von Dr. Adnan al-Bursh – stellvertretend für den Angriff auf genau jene Infrastruktur, die eine Gesellschaft zum Überleben und Heilen braucht.

Strukturen statt Ereignisse

Diese Dynamiken mit dem Begriff Siedlerkolonialismus zu fassen, ist kein moralisches Urteil. Es ist ein analytisches Werkzeug. Es erlaubt, den Konflikt als grundlegende Frage von Land, Bevölkerung und politischer Struktur zu begreifen – statt als Abfolge einzelner Eskalationen. Der Blick verschiebt sich hin zu langfristigen Mustern. Entwicklungen werden vorhersagbarer. Und es erklärt, warum rein diplomatische „Lösungen“ so oft scheitern: weil sie übersehen, dass Land kontinuierlich reorganisiert wird und irreversible Fakten vor Ort entstehen – auch und gerade während Verhandlungen laufen. Letztlich verortet dieser Rahmen Israel/Palästina in einer globalen Geschichte von Siedlergesellschaften.

Über Siedlerkolonialismus zu sprechen heißt, bessere Fragen zu stellen.


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