Staatsräson: Von erdrückender Schwere

Beim SC Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv im Europa-Park Stadion sichern Einsatzkräfte der Landespolizei Baden-Württemberg Innenraum und Ränge. (22. Januar 2026)
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Vor dem Spiel des SC Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv kontaktierte Johannes Kopp von der taz die Koalition „Solidarität mit Palästina”, um über deren Forderungen zum Spiel zu berichten. Das Gespräch kam zustande. Der daraus resultierende Artikel ist jedoch weniger ein Akt journalistischer Integrität als eine narrative Konstruktion.

Link zum Original: Europa-League-Match mit Team aus Israel: Von erdrückender Schwere https://taz.de/Europa-League-Match-mit-Team-aus-Israel/!6144338/

Der Text beginnt mit einem Interview mit Aktivist:innen der Koalition, um deren Positionen darzustellen, und stellt diese anschließend dem israelischen Restaurant „Jaffa” gegenüber, das durch seinen Besitzer präsentiert wird. Dabei greift der Artikel auf klare narrative Gegensätze zurück: das Restaurant als den apolitischen ′Ort des Dialogs′ gegen die Koalition als politisierten, verdächtigen ′Ort des Boykotts′, das helle Restaurant gegen die dunkle Eckkneipe, Schutz gegen Bedrohung.

Dieser Text legt diese Tropen offen, um zu zeigen, wie ihre bewusste Gegenüberstellung das Narrativ der deutschen Staatsräson – der Schutz „jüdischen Lebens” als Staatsziel – als eine sich selbst erhaltende Erzählung reproduziert, die stattdessen Dissens unterdrückt.

Das Restaurant

Der Artikel inszeniert das „Jaffa” als Prototyp des „guten” Raumes: lesbar, fröhlich und sicher für die Identifikation der deutschen Öffentlichkeit. Seine Läuterung beginnt mit einem symbolischen Bruch: Nachdem Baba Ghanoush als „israelisch” deklariert wurde, verlor der Besitzer seine arabischen Freunde und sah sich Boykottaufrufen ausgesetzt. In der Logik des Artikels bewirkt dieser Ausstoß aus einem ′arabischen Milieu′ mehr als nur die Restaurant-Geschichte von ihrem vermeintlichen Antisemitismus zu reinigen – er ermöglicht es, das Restaurant und seinen Besitzer als schützenswerte Opfer von Antisemitismus zu stilisieren.

So verwandelt sich das Restaurant von einem kurdisch-syrisch-muslimisch geführten Ort in eine apolitische Stätte, die nun Freiburgs jüdische Gemeinde beschützt. Mit dem verständnislosen Ausruf „Wegen eines Essens auf der Speisekarte!” distanziert es sich von jeglicher Ideologie („Ich mag Politik eigentlich nicht”) und wird zum fröhlichen Restaurant „Jaffa”. Als designierter Treffpunkt für Maccabi-Fans – mit Freibier, Tanzmusik und 1.000 israelischen Fahnen – wird der Ort unter massivem Polizeischutz zum inszenierten Ort des Dialogs („Bei uns ist jeder Gast ein Freund”).

Die Koalition

Der Artikel konstruiert die Koalition „Solidarität mit Palästina” als den politisierten und damit verdächtigen Pol der Geschichte. Das Treffen des Journalisten mit drei Aktivist:innen der Koalition findet in einer „Eckkneipe (…) mit dunklem Interieur” statt, wo die drei Aktivist:innen nur Pseudonyme nennen („nicht alle korrekt”), was konspirative Untertöne erzeugt. Die Koalition lehnt die Gleichsetzung von ′jüdischem Leben′ mit dem israelischen Staat ab: „Der israelische Staat versucht, jüdisches Leben mit sich gleichzusetzen.”

Der Journalist konfrontiert die Koalition daraufhin direkt mit Vorwürfen der Verallgemeinerung und der Kollektivschuld („zu pauschalisieren und mit den Boykottforderungen wiederum alle Maccabi-Fans für die israelische Regierungspolitik in Haftung zu nehmen”) sowie mit ihrem Schweigen zur „Jagd auf Juden” in Amsterdam. Die Forderungen der Koalition – der Ausschluss der Maccabi-Fans, ein Boykott israelischen Sports und die Benennung des Genozids – werden im Kontrast zu Jaffas Dialog als ausschließend gerahmt. Die Koalition tritt als politisches Subjekt der Palästina-Solidarität hervor – und wird in diesem Narrativ genau dadurch zur verdächtigen Figur.

Der Autor

Das dritte Element ist der Autor selbst. Er orchestriert dieses Theater mit dem Anspruch, Gegensätze zu überbrücken. Der Artikel umarmt Juden als Symbole (Flaggen, Restaurants, Schutzgesten), schreckt jedoch vor Juden als politischen Subjekten zurück (Boykottforderungen, Genozidkritik).

Beide Pole werden für das Narrativ funktionalisiert. Der eine verkörpert die Erfüllung der Staatsräson (der Schutz „jüdischen Lebens” durch einen inszenierten Raum des Dialogs und Polizeischutz). Der andere repräsentiert die Störung, die diszipliniert werden muss (Boykottaufrufe, Genozidvorwürfe, Dissens).

Der Artikel fungiert als Selbstporträt – nicht nur des Autors, sondern des deutschen Staates selbst. Es ist ein Staat, der seine moralische Legitimität aus dem symbolischen Schutz ′jüdischen Lebens′ zieht: Er schützt jüdisches Leben als abstraktes Monument, während er Widerspruch als konkrete Störung mundtot macht; er verteidigt das tote Symbol, während er das lebendige Subjekt sanktioniert.

Diese diskursive Konstruktion fand ihre materielle Entsprechung am Spieltag selbst. Knapp 100 Maccabi-Fans. Eine Palästina-Demo. Über 2.000 eingesetzte Polizist:innen. Die „erdrückende Schwere” entpuppt sich als narrative Überhöhung des Sicherheitsapparats.


Der Artikel von tadamun, der auf die Versicherheitlichung des Spiels verweist, ist hierbei ebenfalls relevant, um zu verstehen, dass dies über eine bloße Erzählung hinausgeht.


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